Indisches Salz
In der Dissertation von Andreas Rohr 1) wird die Definition Dioscorides (im 75. Kapitel des 5. Buches) von ‚indischem Salz’ gegeben: „ indisches Salz ist eine salzförmige Substanz, weißlich, zerbrechlich, im glücklichen Arabien aus einem Rohr wachsend und im Geschmack an die Süße des Honigs erinnernd.“ Rohr fährt fort: „Das indische Salz, das auch Zuccarum genannt wird, wird durch Sonnenstrahlen aus dem Rohr herausgezogen und in eine salzartige Substanz verwandelt.“ Bei Höcher2) wird „gediegener Zucker von der Pflanze selbst ausgeschwitzt“. Obwohl er auch berichtet, dass auf Zuckerrohr aus Madeira wenig (?) Zucker anhafte. Claude de Saumaise (1588 – 1658), der nach seinem Tode Claudius Salmasius genannt wurde, äuißerte in einer Abhandlung über Zucker, die er der Ärzteschaft von Paris widmete, die uns in einem Abdruck aus seinem Nachlass vorliegt4) zum ersten Mal die Vermutung, dass der Zucker der Alten mit unserem heutigen Zucker nicht identisch ist. Sie wussten auch nicht wie saccharum entsteht. Die Meisten glaubten, es sei ein vom Himmel gefallener Tau.
Seneca (1 – 65 n.Chr.) berichtet
in seinem 84. Brief: “Wie erzählt wird, soll in Indien an den Blättern
des Schilfes ein Honig gefunden werden, der entweder aus dem Tau (Honigtau)
jenes Himmelsstriches oder aus dem verdicktem Rohrsaft entsteht. 6)
Die Bezeichnung ‚indisches’
Salz für Zucker wird durch die Beschreibung von Plinius verständlich:
„Arabien produziert Zucker (saccheron); aber der aus Indien ist berühmter.“
Bei Arabien kann es sich nicht um das Produktionsgebiet handeln, es war
eine Station des Zwischenhandels.
Zuckerrohr
Plinius beschreibt (16. Buch,
im 36. Kapitel) 20 Arten von Rohr, die heute nicht alle bekannt sind. Bei
Jacobus Theodorus Tabernaemontanus (bei Rohr Tabermontanus), der aus Bergzabern
stammte und dessen „New Vollkommentlich Kreuterbuch“1588 erschien, unterscheidet
in seinem „Herbarium“ (6.Abschnitt, Kap.38) nur 6 Rohrarten. 7)
Er nennt das Zuckerrohr auch Zuckerschilf oder Honigrohr.
Bei dem indischen Salz,
das aus einem Rohr wachsen soll, oder durch die Sonnenstrahlen aus dem
Rohr herausgezogen wird, handelt es sich um den süßen Saft des
Zuckerrohrs, der von selbst, oder an einer (vielleicht durch ein Schadinsekt)
verletzten Stelle ausgetreten ist, und den die Sonne eingetrocknet hat.
Tabernaemontanus 7)
bezieht sich auf Dioscorides (im 2.Buch, Kap. 71) und Galen (130 - 190)(im
7. Buch).
Salmasius 4)
fand bei Avicenna (Ibn Sina lateinisiert zu Avicenna, 980 – 1037), dass
das Rohr unter dem Antrieb des Windes aneinander reibe und bringe durch
die Kollision Feuer hervor. In diesem Feuer soll das indisch Rohr (Zuckerrohr
oder Bambus?) verbrennen. Die Asche des Rohres sei nach Averroes
(arabischer Philosoph und Arzt aus Cordoba, 1126 - 1198) Tabaxir. Sicher
wurde durch die Bewegung durch den Wind das Rohr dabei verletzt. Das heute
angebaute Zuckerrohr ist so stabil und faserig, dass eine Verletzung selbst
mit einem Messer, kaum zum Austritt von Saft führt8).
Um Saft zu gewinnen wurde in Brasilien im bäuerlich-landwirtschaftlichen
Bereich die Presse zur Gewinnung von Zuckerrohrsaft mit 2 oder 4 Ochsen
angetrieben8).
Der Saft wird als schleimige weißliche Flüssigkeit beschrieben,
die unter dem Einfluss der Sonne so hart wie Bimsstein wird. 2)
Das Zuckerrohr bildet
zahlreiche, aber wenig beständige Varietäten. Es ist eine etwa
4 m hohe Pflanze und hat durch Kieselsäureeinlagerungen scharfkantige
Blätter.
Es ist ein Objekt
der Züchtung, heute auch mit Hilfe der Gentechnik; in USA gibt es
55 Freisetzungen, in Australien 6. Der Zuckergehalt des Presssaftes erreicht
heute 18%.
Fester Zucker
Rohr1)
führt weiter in seiner Dissertation aus: ‚Seit aber in diesem Jahrhundert
(d.i. das 18.Jh.) die Bewohner der Heimat des Zuckerrohres (gemeint sind
die Anbaugebiete) es gelernt haben, durch Abkochung eine weit größere
Menge aus zerquetschten Rohrstängeln zu gewinnen, wenn das auch mehr
Arbeit kostet, hat man die von Dioskorides beschriebene Methode aufgegeben..
Der süße Saft wird bei leichtem Feuer eingekocht, bis er die
Konsistenz des Salzes erreicht (d.h. bis zur beginnenden Kristallisation)
ist und füllt den Saft in Tonkrüge oder Trichter, die Glockenform
haben. Die Spitze der trichterförmigen Gefäße wird geöffnet,
damit die noch vorhandene Flüssigkeit (d.h. abfließen kann (Ablaufsirup).
Nachdem der zusammen gebackene Zucker eine Zeit lang in diesen Gefäßen
gestanden und sich noch mehr verfestigt hat, nimmt man die Zuckerkegel
(Zuckerhut) heraus, trocknet und härtet sie an einem geeigneten Ort
bei leichtem Feuer.’ Das Verfahren zur Gewinnung von festem Zucker war
in seinen Grundzügen schon in Persien bekannt.
Die Gewinnung von festem
Zucker aus dem Saft von gepresstem Zuckerrohr muss schon in Indien erfunden
worden sein: Um 650 v. Chr. schickte der chinesische Kaiser Taitsung (627
– 650) (Tang Dynastie) Leute nach Indien nach Mokoto (heute Bihar), um
diese Technik zu lernen. 10)
Dareios I. (549 – 486 v.
Chr.) dehnte das persische Reich bis zum Indus aus. Von dort gelangte das
Zuckerrohr nach Persien. Spätestens 619 wurde von Persien ‚schi-mi’,
„Steinhonig“ nach China eingeführt. Marco Polo, dessen Reisen in die
Jahre 1270 – 1295 fallen, berichtet, dass er die Herstellung von Zucker
in verschiedenen Provinzen gesehen hat, und dass einige Menschen aus Babylon
(oder Cairo) anwesend waren, die in der’ Kunst ,Zucker zu raffinieren’,
unterrichteten.
Im 7. Jahrhundert kamen
die Araber nach Persien, wo sie Zuckerrohr und Zuckerbereitung kennen lernten.
Ein Wissen, das sie dann in ihrem Herrschaftsbereich d.h. rund um das Mittelmeer
ausbreiteten.
Das in Persien aus dem Saft
des Zuckerohrs gewonnene Saccharum Taberzeth (auch Tabazeth), soll so hart
gewesen sein, dass man es mit dem Hammer zertrümmern musste.3)
Tabarzeth, oder Tabaschir, je nach Transkription) wird auf persisch tabaxi
zurückgeführt und soll ‚Steinmilch’ heißen, und ‚zu Stein
verhärtete Milch’ bedeuten. Der bei dem Einkochen des Saftes erhaltene
Kristallblock entspricht der Beschreibung von Tabarzeth.
Die Bruchstücke aus
Zucker wurden in Kisten verpackt und verschickt. Der französische
Name Cassonade für Rohzucker, heute brauner Zucker, hat hier seinen
Ursprung von casser, zerbrechen.
Sand im Zucker?
Plinius schreibt in
seinem 12. Buch im 17. Kapitel: “ Arabien produziert auch Zucker (saccaron).
Aber der aus Indien ist berühmter. Es handelt sich um Honig, der auf
Schilf gesammelt wird, weiß wie Gummi, der zwischen den Zähnen
knirscht, von der Größe einer Haselnuss, nur in der Medizin
verwendet.“ Die unterschiedliche Auffassung, ob es sich bei dem Saccharum
der Alten um Zucker oder kieselsäurehaltige, opalartige Konkretionen
in der Größe von Erbsen zwischen den Internodien im Bambusrohr
handelt, könnte auf der Verwechslung von Bambus und Zuckerrohr (indisches
Rohr) und auf den unterschiedlichen Zuordnungen von Tabaxir beruhen. Diese
Erklärung vertritt auch der portugiesische Arzt und Botaniker, Garcia
de Orta (1499 – 1568), der in Goa (Indien) wirkte.9)
In der heutigen persischen Sprache wird Tabaxir eher dem Kandiszucker zugeordnet.
Das Knirschen würden
wir heute auf die Zuckerkristalle zurückführen; es könnte
aber auch Sand („Kieselsäure“) gewesen sein. Da der Zucker ein sehr
teures Gut war, ist denkbar, dass Sand als Verfälschung, zur Erhöhung
des Gewichts zugesetzt war. Salz als Verfälschung wäre optisch
nicht aufgefallen, allerdings leicht bei einer Geschmacksprobe. Analytische
Prüfung auf Identität und Reinheit sind heute Standard bei Arzneibuchmonographien.
Bei den vorgestellten Dissertationen sind solche Prüfungen noch nicht
zu finden. Eine Probe, die analysiert werden könnte ist uns nicht
überliefert. Die älteste Probe 10)
von festem Zucker von der berichtet wird haben zwei Buddha-Mönche
und Ärzte 753 oder 755 von China nach Japan gebracht, wo sie in der
kaiserlichen Schatzkammer unter dem Namen Shô tô (Rohrzucker)
aufbewahrt wurden. E.O. von Lippmann10)
bezieht sich auf eine amerikanische Publikation von 1932. Nach einer neueren
japanischen Publikation11)
hat der chinesische Priester und Arzt Ganjin (688 – 763) im Jahre 754 diese
Probe als Medizin nach Japan gebracht, wo sie in einer der drei kaiserlichen
Schatzkammern in Nara aufbewahrt wurde. In dem Verzeichnis von 756 ist
diese Probe als Shato (Rohrzucker) aufgeführt, ist aber danach
vermutlich verloren gegangen, denn sie fehlt in den Verzeichnissen von
787 und später, sie fehlt auch in der heutigen Datenbank der Schätze
des kaiserlichen Hofamtes 12)
Bibliographie
Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Zuckerwirtschaft und der Zuckerindustrie, herausgegeben von H. Olbrich
1) Heft
1 (1973) Über das Zuckerrohr
heilkundliche Inauguraldissertation
aus dem Jahre 1719
des Johannes Andreas Rohr
2) Heft
4(1975) Disputation von 1698
Über den Zucker
von Johannes Adam Höcher
3) Heft
6 (1976) Über den Zucker
Bemerkungen über den Zucker
aus dem Jahre 1763
von Anton Wilhelm Plaz
4) Heft
9 (19777) Bericht von 1663 über den Zucker aus Paris
Von Claudius Salmasius
5) Heft
10 (1977) Über den Zucker,
Abhandlung aus dem Jahre 1689
von Anton Deusing
6) E. O.
von Lippmann: Geschichte des Zuckers
2. Auflage Springer Verlag Berlin 1929
7) www.kraeuter.ch/_texte/zuckerrohr_zucker.htm
-
aus dem Kräuterbuch von Jacobus Theodorus Tabernaemontanus Ausgabe
von1625
8) Ich danke
Kollegen in Ägypten und Brasilien
für Informationen zum Zuckerrohr.
9) Ich danke
Herrn Prof. Dr. Eloir Schenkel Florianopolis S.C. Brasilien
für diesen Hinweis
10) E.
O. von Lippmann:
Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik,
Band II S.230f herausgegeben von R. von Lippmann
Verlag Chemie 1953
11) Shôsôin Yakubutsu (Arzneimittel in der kaiserlichen Schatzkammer) Ôsaka, 1955
12)
ich danke Frau Ryuko Hasunuma vom japanischen Kulturinstitut Köln
für diese Information.